Frank Tornow

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Landstücke

Frank Tornow malt Land-Stücke, die an Landschaften erinnern. Die neuen Serien von 2008/2009 sind kleine, meist hochformatige Leinwände, mit pastos aufgetragenen Ölfarben, gespachtelten Farbschichten, abstehenden Farbwülsten und über den Leinwandrand tretende Farbreste, mit denen Frank Tornow stückweise Stimmungsbilder einer Landschaft schafft.

 

Bild für Bild setzt Frank Tornow Eindrücke, Empfindungen von zuvor gesehenen Natur- Farben, Lichteinfällen, Wetterumständen, jahreszeitlichen Zuständen von Feld oder Acker auf die Leinwand im Atelier. Jedes einzelne Bild entsteht im subjektiven „Flashback“, im wieder erlebten Gefühlszustand der beobachteten Landschaft. Frank Tornow verdichtet mit übereinander laufenden Farbaufträgen, Schichtungen von Farbsträngen und Wegnehmen von Farbdicke das einzelne Bild bis zu einem konkreten Punkt, dem spezifischen Zustand seiner Gefühlserinnerung.

 

Das serielle Vorgehen, das Vermeiden des Anspruches einer absoluten Naturwiedergabe, ein eher absichtsloses Tun, die experimentelle Offenheit beim gestisch gesetzten Farbauftrag, der Objektcharakter der ölfarbenschweren Leinwände sind Ausdruck und Statement Frank Tornows zeitgenössischem, bildnerischen Umgang mit dem traditionell stark konditionierten Sujet der Landschaftsmalerei.

 

Beim Autofahren durchstreift Frank Tornow dörfliche Randgebiete, industriell geprägte Agrarlandschaften und an Landstraßen liegende Felder. Durch das Anhalten, Beobachten, Weiterfahren und Hineinsehen in die Landausschnitte entsteht im Zustand der anonymisierten Mobilität, der stetigen Fort-Bewegung des Autofahrens ein „Bildkonsum“. Aus dem so entstandenem Bild-Kumulat greift Frank Tornow seine Landstücke heraus: Dorf, Acker, Hof, Gebäude, Autobahn, Scheißwetter, Feld, Wolken, Schneeschmelze, Fabrik, Raps, Schober oder Ausrufe, wie auf den Bildern begleitenden Zeichnungen „Ist´s noch weit“ oder „Bei die Pilze“. Dies sind faktische Bildtitel, die auch unsere brüchige, nicht-homogene Natur beschreiben. Doch Frank Tornow will mit seiner Malerei weder eine Desillusionierung thematisieren, noch gegenteilig eine Nostalgie evozieren: Er hat Lust am Malen, an der physischen Materialität der Farbe, er lässt die Farbe und ihren dickflüssigem Verlauf das Bild bestimmen, setzt nur wenige Anhaltspunkte, wie horizontale oder vertikale Striche und Objekt bestimmende Farben hinzu, bis seine Bilderinnerung sich mit dem wachsenden Ölbild deckt.

 

Der Rezipient spürt durch die extrem unterschiedliche Nah- und Fernwirkung der Ölbilder den experimentellen Charakter Frank Tornows Malprozesses und summiert beim Entlanggehen an der Bilderserie seine Landschaftserinnerungen, ohne jedoch additiv ein Panorama aufspüren zu können.

Frank Tornows Bilder geben niemals vor autobiografisch, narrativ oder patriotisch zu sein, denn in seiner zurückgenommenen Position als Maler und Beobachter steht das Bild, die Bildbetrachtung im Vordergrund: der Rezipient ist immer im Bild, im Ausschnitt, im Farbauftrag verfangen, er kann seine „eigenen Landschaften“ erahnen und der malerischen Spur folgen, bis ein Farbaufwurf den Blick wieder ablenkt, das Format durch Farbspritzer ausfranst oder der Blick zum nächsten Bild driftet. Was bleibt, sind Spuren von Erinnerungen, seien es die Frank Tornows oder die eigenen.

 

Birgit Szepanski, 2009