Frank Tornow

 

► zurück

 

„Wege und Brücken“                                                                            

 

Auf den 10gr. Kaffeesahne-Packungen, ultrahocherhitzt, 10% Fett, hergestellt für einen großen deutschen Discounter in Neckarsulm, findet sich ein Motiv-Zyklus mit dem Titel „Wege und Brücken“. Aufgefallen sind sie dem Maler Frank Tornow, als er in der Ruhrgebietsmetropole Essen die Bilder C.D. Friedrichs in der großen Ausstellung hängte und zur Aufnahme von Speis und Trank diesbezügliche, dort verstärkt auftretende Orte aufsuchte.

Eine schon auf den ersten Blick skurril anmutende Konstellation: Essen, Caspar David Friedrich und dazu der Kaffeesahnezyklus „Wege und Brücken“. Damit hätte es sein Bewenden haben können. – Für den Künstler begann jetzt natürlich die Herausforderung: Was lässt sich aus einer wahr genommenen romantischen Überlagerung eines banalen Gebrauchsgegenstandes ästhetisch gewinnen?

 

Die schwache, aber vorhandene Doppeldeutigkeit des Motiv-Titels „Wege und Brücken“ gilt es aufzunehmen. Und hierin liegt der ganze intellektuelle Reiz. Denn: Als Form bietet sich die serielle Präsentation an – die ursprüngliche Verkehrsform der Kaffeesahneschachtel. Auch das Format scheint evident und quasi vorgegeben: kreisrunde, kleinformatige Bilder, die Landschaften zeigen. Doch wie umgehen mit der Bezeichnung der einzelen -es sind sechs geworden- Teile? Daß eine titellose Serie dem Grundimpuls Frank Tornows zuwiderlaufen würde, liegt auf der Hand. Und so besteht für mich das Großartige der künstlerischen Lösung in der Auswahl von Wort und Schrift und der einzelnen Zuordnung zum jeweiligen Landschaftsbild. Denn der affirmative Titel „Wege und Brücken“ hätte eine andere, sozusagen gegenstrebige Malerei verlangt. Die verweigert FT, indem er die Beweislast umdreht: der Titel (inclusive Schriftart) möge die Landschaft in einem anderen, buchstäblich: Licht erscheinen lassen. Plattheiten sind bei Frank Tornow nicht zu befürchten, keine Idyllen-Verdoppelung Marke: junge Füchse im morgendlichen Feld. Aber auch keine Eindeutigkeit: Zwar finden wir drei prima vista klar umrissene Begriffe: Gefahr, Flucht, Führung – beim näheren Hinsehen allerdings bleibt davon nicht viel übrig. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die drei anderen, in sich klareren „Auf Trapp“, „Mit Mühe“ und „Mehrwert“.


Alle sechs Bilder haben gemeinsam, dass sie keine Kreatur, weder Mensch noch Tier, darstellen. Das Höchste der bildnerischen Gefühle ist ein in Gipfelnähe sich befindendes Anwesen. Ausgerechnet dieses Bild heißt „Führung“. Hier zeigt sich das Unheimliche am Offenbarsten, denn die Interpretation kann Exaktheit nicht herstellen. (Wie anders wäre das plumpe, aber gefällig-naheliegende „Obersalzberg“!) Es bleibt offen, welche Semantik gemeint ist. Im Kontext von „Flucht“ und „Gefahr“ mag eine naive Auslegung aber ferner liegen. Dasselbe betrifft das Bild „Flucht“: Die Flucht der ländlichen Allee, die gerade Linie, ist unübersehbar- aber die Konnotation mit „Flucht und Vertreibung“, Heimatverlust etc. zwingend. Handelte es sich um eine in den 50er oder 60er Jahren des 20. Jhdts. entstandene Postkarte zur Unterstützung der kulturellen Aktivitäten des Bundes der Heimatvertriebenen und Entrechteten, wäre sie dieser Tage in einer zeitgenössischen Ausstellung des Deutschen Historischen Museums zu bestaunen.
„Flucht“ ist mit „Führung“ zu denken. Und, um meiner Assoziation weiteren Lauf zu lassen, „Führung“ ist mit „Auf Trapp“ in Beziehung zu setzen. Ein Blick ins Wörterbuch der Brüder
Grimm führt uns zum „Jungen Deutschland“ und seinen Dichter Ferdinand Freiligrath, der den Marschtritt in Verse fasst:

             „O zu hören das Trapp, Trapp einer Million dir der Fahne folgender Männer“.


Wieder haben wir hier die Struktur der Ambivalenz: Nicht nur den Ausdruck für das Geräusch trappelnder Schritte oder Pferdehufe, sondern auch für den rhythmischen Gleichklang beim Mar- schieren: „Auf Trapp“ sein mit Frank Tornow in einer der „Flucht“ am
nächsten kommenden Land- schaft.
„Mit Mühe“ und „Mehrwert“ scheinen mir die beiden offen-ironischen Varianten dieser Serie zu sein. Denken Sie die beiden Titel einmal zusammen und in veränderter Reihenfolge: Mit Mühe Mehrwert. Und: Mehrwert mit Mühe. Wobei der aus der marxistischen Theorie der kapitalistischen Warenproduktion stammende Begriff des Mehrwerts hier natürlich nicht klassisch zu verstehen ist, sondern in Übertragung auf die Landschaft als Umwelt-Kapital. Mehrwert durch mehr-Wert-sein: der Golfplatz am Scharmützelsee droht in gar nicht weiter Ferne.. So bleibt das für mich versöhnlichste Bild „Mit Mühe“ eine Metapher für den ganzen Zyklus „Wege und Brücken“, der am Beginn stand.

 

Übrigens: Die Mindesthaltbarkeit der diesen Gedanken zugrunde liegenden Kaffeesahneschachteln ist datiert auf den 18. Dezember 2006. Für diese Bilder gilt das gewiß nicht.

 

 

Klaus Reimus, 2006